Bei den Meldestellen passiert doch nichts?
Was das Hinweisgeberschutzgesetz in der Praxis wirklich bewirkt
„Bei den Meldestellen passiert doch nichts.“
Diese Aussage ist in vielen Unternehmen nach wie vor verbreitet. Hinweisgeberschutz wird als zusätzliche Bürokratie wahrgenommen, Meldestellen gelten als gesetzliche Pflicht ohne echten Mehrwert. Die Annahme dahinter: Mitarbeitende nutzen die Kanäle nicht, und selbst wenn doch, bleibt es folgenlos.
Ein Blick in die Praxis zeigt jedoch ein anderes Bild. Meldestellen werden genutzt – und sie erfüllen eine wichtige Funktion für Organisationen, weit über die reine Gesetzeserfüllung hinaus.
Ziel und Einordnung des Hinweisgeberschutzgesetzes
Mit dem Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) hat der deutsche Gesetzgeber die EU-Whistleblower-Richtlinie umgesetzt. Ziel ist es, Personen zu schützen, die auf Rechtsverstöße oder schwerwiegende Missstände aufmerksam machen. Meldende sollen keine Repressalien befürchten müssen, sondern sich sicher an interne oder externe Stellen wenden können.
Das Gesetz verpflichtet unter anderem Unternehmen ab 50 Beschäftigten sowie öffentliche Stellen zur Einrichtung geeigneter interner Meldestellen. Dabei geht es nicht nur um formale Meldewege, sondern um Vertraulichkeit, faire Verfahren und einen verantwortungsvollen Umgang mit eingehenden Meldungen.
Was in der Praxis tatsächlich gemeldet wird
Entgegen der weit verbreiteten Annahme bleiben Meldestellen nicht ungenutzt. In der Praxis zeigt sich vielmehr, dass sie angenommen werden – sowohl in größeren Organisationen mit eigenen Meldestellen als auch in kleineren Unternehmen, die gemeinsame Plattformlösungen nutzen.
Über alle betreuten Meldestellen hinweg wurden 45 Eingaben verzeichnet. In 6 von 8 Einzelmeldestellen gingen Meldungen ein, ebenso in einer gemeinsamen Meldestelle, an der 21 Organisationen beteiligt sind. Diese Zahlen machen deutlich: Die Kanäle werden genutzt.
Auffällig ist dabei die Zusammensetzung der Meldungen. Rund 80 % entfallen auf Beschwerden, etwa zu Arbeitsorganisation, Ungleichbehandlung oder wahrgenommener Ungerechtigkeit. Etwa 20 % sind qualifizierte Hinweise mit rechtlicher, wirtschaftlicher oder ethischer Tragweite.
Beschwerden sind kein Problem – sondern ein Signal
Gerade der hohe Anteil an Beschwerden wird häufig kritisch gesehen. Tatsächlich ist er jedoch ein wichtiger Indikator: Er zeigt, dass Beschäftigte Vertrauen in die Meldestelle haben und die Hemmschwelle zur Nutzung niedrig ist.
Viele dieser Beschwerden lassen sich durch Gespräche, Einordnung oder Mediation klären. Eine gut organisierte Ombudsfunktion filtert, erklärt und sorgt dafür, dass Ressourcen nicht unnötig gebunden werden. Gleichzeitig entsteht Raum, um Konflikte frühzeitig zu erkennen, bevor sie eskalieren.
Mit der Zeit zeigt sich zudem ein weiterer Effekt: Beschäftigte lernen, wofür die Meldestelle gedacht ist. Die Qualität der Hinweise steigt, qualifizierte Meldungen nehmen zu.
Worum es inhaltlich wirklich geht
Die inhaltliche Bandbreite der Meldungen ist groß. Bei Beschwerden stehen häufig Themen wie ungleiche Behandlung, fachliche Überforderung, mangelhafte Zusammenarbeit oder Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen im Vordergrund.
Die qualifizierten Hinweise betreffen dagegen regelmäßig schwerwiegendere Sachverhalte. Dazu zählen unter anderem Mobbing, Diebstahl, Betrug, aber auch Hass und Hetze oder diskriminierendes Verhalten im Unternehmen. Solche Hinweise haben oft erhebliche rechtliche und reputative Konsequenzen – und sind ohne funktionierende Meldestellen schwer frühzeitig zu erkennen.
Fallbeispiele zeigen die Wirkung von Meldestellen
Die Praxisbeispiele machen deutlich, welche Rolle Meldestellen spielen können. Hinweise auf systematisches Mobbing, auf Diebstahl von Firmeneigentum oder auf diskriminierende und menschenverachtende Äußerungen sind keine theoretischen Konstrukte, sondern reale Situationen aus Organisationen.
Ebenso finden sich Hinweise, bei denen Beschäftigte unsicher sind, wie sie mit sensiblen Beobachtungen umgehen dürfen – etwa bei auffälligem Verhalten von Kolleginnen oder Kollegen. Die Meldestelle bietet hier einen geschützten Rahmen, um Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst zu gefährden.
Weniger Meldungen bedeuten nicht weniger Probleme
Ein zentrales Missverständnis bleibt: Wenige oder keine Meldungen sind kein Beweis für eine problemfreie Organisation. Häufig deuten sie vielmehr auf eine Kultur hin, in der Beschäftigte nicht offen sprechen können oder Angst vor Konsequenzen haben.
Aktiv genutzte Meldestellen sind dagegen ein Zeichen von psychologischer Sicherheit. Sie fungieren als Ventil, als Frühwarnsystem und als Instrument, um Risiken zu erkennen, bevor sie zu größeren Schäden führen.
Fazit: Meldestellen wirken – wenn man sie ernst nimmt
Die Praxis zeigt klar: Meldestellen sind kein bürokratisches Anhängsel, sondern ein wirksames Instrument. Sie fördern Vertrauen, helfen bei der frühzeitigen Klärung von Konflikten und schützen Organisationen vor rechtlichen, wirtschaftlichen und reputativen Schäden.
Entscheidend ist, dass Hinweisgeberschutz nicht nur formal umgesetzt wird, sondern als Teil einer verantwortungsvollen Unternehmenskultur verstanden wird. Dort, wo Meldestellen ernst genommen, professionell betreut und transparent kommuniziert werden, entfalten sie ihre volle Wirkung.
Konzept 17 begleitet Unternehmen bei der Umsetzung des Hinweisgeberschutzgesetzes – von der Einrichtung geeigneter Meldestellen über die Ombudsfunktion bis hin zur praxisnahen Einordnung und Bearbeitung eingehender Meldungen. So wird Hinweisgeberschutz nicht zur Pflichtübung, sondern zu einem echten Mehrwert für Organisationen.
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12. Februar 2026